Ackermann Gemeinde Würzburg

Der plötzliche Tod unseres langjährigen Wegbegleiters hat uns mit großer Trauer erfüllt.

Die Ackermann-Gemeinde Würzburg trauert um einen großartigen Menschen, der zusammen mit seiner Frau Gretl viel für die deutsch-tschechische Aussöhnung getan hat. Oft gab er Zeugnis von der schweren Zeit, die er erlebt hatte. Ein letztes Mal äußerte er sich am 16.03.2020, als der Ackermann-Gemeinde das Wander-Nagelkreuz und die Versöhnungsstatue der ökumenischen Nagelkreuzbewegung verliehen wurden. Lassen wir ihn also selbst noch einmal zu Wort kommen:

„Ich heiße Werner Strik. Strik mit fünf Buchstaben. Ein tschechischer Name für eine deutsche Familie, von einem Urgroßvater stammend.
Geboren wurde ich 1930. Kindheit und Jugend verbrachte ich in einem Dorf im Schönhengstgau, einer Sprachinsel auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Das Dorf wurde durch die Landesgrenze in zwei Gemeinden geteilt. Aus der böhmischen wurden am 13. Juli 1945 die deutschen Bewohner brutal in die russische Besatzungszone vertrieben. Wir wohnten in der mährischen Gemeinde. Ich wurde nach zwei Monaten Lagerhaft am 30. Juni 1946 mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder zwangsweise ausgesiedelt. In einem Dorf nahe dem total zerstörten Pforzheim wurden wir in ein Zimmer bei einer Kriegerwitwe eingewiesen. Freundlich und hilfsbereit hat sie uns aufgenommen.

Mein Vater wurde als Arzt zurückgehalten. Er kam zwei Monate später nach Hofheim in Unterfranken. Am 18. Oktober 1946 war dort unsere Familie wieder vereint. Nur unser Vater hat eine unfreundliche Begegnung erlebt. Viele Menschen haben uns dagegen geholfen. In besonderer Erinnerung habe ich eine evangelische Bäuerin, die einer Judenfamilie beigestanden hatte, und ein in der Nazizeit verfolgtes Ehepaar.

Ab Oktober 1946 konnte ich nach eineinhalb Jahren wieder eine Schule besuchen. Vom Direktor und seinem Stellvertreter der Oberschule in Haßfurt wurde ich wohlwollend gefördert. Die Mitschüler haben mich mit offenen Armen aufgenommen. Das Abitur habe ich 1949 an der Oberrealschule Bamberg abgelegt. Mit meinen Mitschülern entstanden lebenslange Freundschaften.

1949 war ich einer der 60 Glücklichen von 360 Bewerbern, die nach einem Kolloquium in Würzburg zum Medizinstudium zugelassen wurden. Staatsexamen und Promotion absolvierte ich 1955. Weiterbildung zum Internisten, Habilitation und Ernennung zum außerplanmäßigen Professor folgten bis 1973. Als Chefarzt der Inneren Abteilung der Missionsärztlichen Klinik und akademischer Lehrer fand ich eine hohe berufliche Befriedigung.

Seit 1995 bin ich im Ruhestand. Mit meiner Frau genieße ich es, in dieser schönen Stadt leben zu dürfen. Ich bin fassungslos, wenn ich an die Ruinen denke, die ich 1947 gesehen habe. Ich denke mit Respekt an die Trümmerfrauen, die den Schutt von den Straßen geräumt haben. Ich bin voller Bewunderung, wie schön unser Würzburg wieder geworden ist. Ich freue mich, dass ich bei diesem Wiedererwachen unserer Stadt dabei war.

1956 haben meine Frau und ich geheiratet. Vier Kinder, vier Schwiegerkinder (immer noch dieselben), elf Enkel, fünf Schwiegerenkel und zehn Urenkel: das ist heute unsere Familie. Meine Frau und ich danken demütig für das Leben, das uns geschenkt wurde. Wir hoffen, es noch eine Weile gemeinsam erleben zu dürfen. Die Definition der Weile müssen wir dem Herrgott überlassen.“

Gerne hat sich Prof. Dr. med. Werner Strik als Zeitzeuge zur Verfügung gestellt und die Zuhörer von seiner Versöhnungsbereitschaft angesteckt. Wir danken ihm für seine zwölfjährige aktive Zugehörigkeit zum Diözesanvorstand. Acht Jahre davon vertrat er als Delegierter den Diözesanverband Ackermann-Gemeinde Würzburg bei den Hauptversammlungen unseres Bundesverbandes. Ebenfalls für acht Jahre wurde er, auf unseren Vorschlag hin, als Persönlichkeit in den Würzburger Diözesanrat gewählt. Hier hat er nicht nur unsere Interessen vertreten, sondern bei medizinischen Fragestellungen sein kompetentes Wort erhoben. Als Vertreter im Drei-Länder-Ausschuss „Deutschland – Tschechien – Slowakei“ der Rotarier hat er sich für konkrete Projekte in seiner alten Heimat engagiert.

Zwei Ereignisse, bei denen er besonders beteiligt war, will ich noch hervorheben.

  • Bei der Seligsprechung seines Landsmannes P. Engelmar Unzeitig CMM am 24.09.2016 in Würzburg hat er sich im Vorfeld sehr dafür eingesetzt, dass sich tschechische Gläubige aus Greifendorf, dem heutigen Hradec nad Svitavou und ehemalige deutsche Bewohner gemeinsam an der Feier beteiligen.
  • Bei der Pilgerfahrt „Auf den Spuren von P. Engelmar Unzeitig“ vom 18. – 21.09.2014 hat er uns liebevoll seine alte Heimat vorgestellt. Auch konnten wir uns aus erster Hand von der Versöhnungsarbeit des Ehepaars Strik dort überzeugen.

Wir werden ihn gerne in Erinnerung behalten. Möge er in Frieden ruhen.

Hans-Peter Dörr

Fotos: Prof. Dr. Martin Strik

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